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16 juillet 2007

Walter Benjamins Vettern

Frankfurter Rundschau, 31.05.2007


Afrika

Von Abdourahman Waberi

[Samuel Fosso (Hatja Cantz)]

Von Deutschland kannte ich nur wenig, als ich Ende letzten Sommers für ein Jahr nach Berlin kam, diese ewige Baustelle mit dem Charme eines großen öffentlichen Gartens. Wie so oft diente mir zunächst ein Bündel von Klischees als Eingangstor und Orientierung. Zwar war ich seit einem Jahrzehnt immer mal wieder dort gewesen, um an Lesungen oder anderen literarischen Begegnungen teilzunehmen, sachkundig ausgerichtet von dem entsprechenden Milieu. Erstmals lernte ich dieses Milieu wertzuschätzen anlässlich der Übersetzung meines Debüts Die Legende von der Nomadensonne, einer Auswahl von Novellen, die ein junger Münchner Verleger herausgebracht hatte, der inzwischen selbst zum Erfolgsautor aufgestiegen ist, Ilija Trojanow.

Später dann hatte ich mich angefreundet mit der einfallsreichen Mannschaft der Zeitschrift Lettre International, die mich als Mitarbeiter gewonnen und mich zweimal in die Jury des "Lettre Ulysses Award for the Art of Reportage" berufen hatte.

[Abdourahman A. Waberi wurde 1965 in Dschibuti geboren. Er studierte englische Literatur und lebt heute als Englischlehrer in Caen, in der Normandie. Bis zum August allerdings wohnt er noch als Gast des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Berlin].

Auf Deutsch gibt es von Waberi nur ein einziges Buch : "Die Legende von der Nomadensonne", erschienen 1998 im Marino-Verlag. Wer des Französischen mächtig ist, sollte unbedingt seine glanzvolle Satire lesen : "Aux États-Unis d’Afrique". Waberi ist ein scharfäugiger, niemals langweiliger Beobachter seiner zwei Heimaten : Afrika und Europa.Als ich es mir nun also bequem machte in einer großen sonnigen Wohnung im besseren Teil von Friedenau, fühlte ich mich wie ein Abenteurer auf unbekanntem Terrain, dabei durchaus beeindruckt von dieser Mischung aus Ordnung und Lässigkeit, wie sie den Begüterten eigen ist, die sich ihrer Rechte und Sicherheiten bewusst sind. Ein Freund erriet meine Gedanken : "Du wirst sehen, das ist ein ruhiges Viertel. Es gibt dort nur Ruheständler und Witwen." Ich habe mich gefragt, ob er es angemessener gefunden hätte, wenn ich mein Königreich inmitten der jungen Bobo-Punk-Fauna des Prenzlauer Bergs gesucht hätte. Nun, es tut nichts zur Sache. Ich fühle mich wohl, wo ich meinte sein zu müssen, in der Ruhe und Anonymität eleganter Häuser. Kein Bedarf, die Segnung von Schutzengeln wie Marlene Dietrich oder Rosa Luxemburg zu erbitten, beide eng mit der Erinnerung an diese Gegend verbunden. Sehr schnell hatte ich das Vergnügen, mich unter die dichte, vertraute und konzentrierte Menge zu mischen, die emsig das Internationale Literaturfestival Berlin in den ersten beiden Septemberwochen besucht, wobei sie die großen Säle, die Kulissen und das Gartenzelt in ein wahrhaftiges Fest des Hörens verwandelte, mit seinen Autoren, Lektoren, Übersetzern und Debatten. Eine lebendige Bibliothek, voller Leben und doch flüchtig. Ein Korso aus Büchern, entschwunden aus einem Lesesaal in Paris oder anderswo, auf allen Schmuggelwegen, die Walter Benjamin erträumt hatte, dessen Schatten noch über den großen Straßen und den Parks von Charlottenburg, Tiergarten oder Grunewald schwebt.

Bei jeder öffentlichen Lesung liegt etwas Religiöses in der Luft, zumindest empfinde ich das so in Deutschland. Der Mensch benötigte eine lange Zeit, um seine Spuren auf den felsigen Wänden seiner prähistorischen Grotte zu hinterlassen. Und es hat ihn noch mehr Zeit gekostet, um diese Zeichen in Buchstaben zu verwandeln und schließlich Schrift und Bild eine sakrale Bedeutung zu verleihen, sie zu verschmelzen, damit sie als Spuren des Menschengedächtnisses benutzbar werden. Seit Jahrtausenden sind diese Zeichen und Buchstaben der Ausdruck seiner Emotionen, seines starken Bedürfnisses zu teilen, sich zu erweitern und bisweilen zu herrschen. Diese Zeichen und Buchstaben sind Träger der Kraft und der Ängste ihrer Schöpfer, in ihnen schwingt unser ganzes Empfindungsvermögen mit. Unsere ganze Menschlichkeit. Von daher kommt diese Leidenschaft voller Erwartung und Hingabe, die spürbar ist in allen Ecken und Winkeln des Hauses der Berliner Festspiele oder des Literaturhauses in der Fasanenstraße, wenige Schritte nur entfernt vom großen Händlertempel des Ku’damms, wo Künstlichkeit und Leere herrschen.

Ich spreche immer noch nicht die Sprache Schillers und Celans, zum Kummer meiner deutschen Freunde. Zu meiner Entlastung bestehe ich auf dem kosmopolitischen Charakter Berlins und weise auf die Begabung der Deutschen für fremde Sprachen hin.

[Kevin Brand, "19 Boys Running" (1988) (FR)]

Der Berliner Spaziergänger, in dessen Rolle ich mir gefalle, hetzt den Zeichen Afrikas hinterher, die in der Bundeshauptstadt so spärlich verstreut sind. Für Afrikaner bleibt die Stadt synonym mit jener Konferenz vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885, einberufen von Bismarck, um die Spielregeln für die Aufteilung des Kontinents festzulegen. Vierzehn Mächte nahmen daran teil - Deutschland, Österreich-Ungarn, Belgien, Dänemark, das ottomanische Reich, Spanien, Frankreich, Groß-Britannien, Italien, die Niederlande, Portugal, Russland und Schweden. Sie verpflichteten sich, keine willkürlichen Erwerbungen mehr vorzunehmen, ohne dies den anderen mitzuteilen, um ihnen den Anspruch auf Reklamationen zu gewährleisten. Eine Art gentlemen’s agreement, das ein Jahrhundert abgrundtiefer Gewalt einleitete. Selbstverständlich sind weder die Völker noch die Könige Afrikas über diese Gespräche informiert, geschweige denn konsultiert worden.

Heute ist es sehr leicht festzustellen, dass Afrika in Berlin abwesend ist - im Unterschied zu Paris, London, Lissabon oder Brüssel. Es kommt vor, etwa in Schöneberg, dass man an einem kleinen Restaurant vorbeigeht, an einem Friseursalon oder einem Nachtclub, die geführt werden von Leuten aus Accra, Asmara oder aus Conakry. Häufiger allerdings passiert es, dass uns eine Nachricht erreicht über juristische Hindernisse, die das tägliche Los der schwarzen Staatenlosen sind - dieser Wanderer der Not, allesamt Vettern von Walter Benjamin, dessen Namen sie nicht kennen und die sich in irgendeinem Heim Brandenburgs vor Sehnsucht verzehren, nach dem Muster des Asylantenheims von Belzig, wenn sie nicht gerade vor den von brandstiftenden Nazihorden fliehen.

[Romuald Hazoumé, "Bidon armé" (2004) (Hatja Cantz)]

In den 1980er Jahren wurde die Exilliteratur vom Westen gut aufgenommen, weil sie die Sicht auf die Welt in jenen Jahren neu ordnete. Der Pole Czeslaw Milosz und der Russe Joseph Brodsky wurden beide mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, der eine 1980, der andere 1987, weil ihr Werk sich mit dem Kalten Krieg und der bipolaren politischen Welt auseinandersetzte.

Heute haben die neuen Schriftsteller der Diaspora, besonders, wenn sie den ehemaligen Kolonien entstammen, nicht dasselbe Glück. Und aus gutem Grund finden sie für ihr Exil auch nicht mehr so positive Worte. Alles in allem werden sie immer weniger als Opfer der politischen Wirren betrachtet, so wie die Intellektuellen, die durch den Eisernen Vorhang in den Westen entkommen, oder auch diejenigen, die vor der Diktatur Augusto Pinochets geflohen waren : Man sieht in ihnen, prosaischer, einfach Immigranten, denen bessere ökonomische Weidegründe fehlen.

Meine Suche nach Walter Benjamin, mein Interesse für sein Leben und seine Schriften begann in meinem tiefsten Inneren, ohne dass ich mir dessen vollständig bewusst gewesen wäre. Sie ist durch Einbruch, durch Schlüssellöcher in mich gedrungen, deren Geheimnis die Ironie ist, um sich dauerhaft festsetzen zu können. Die Ironie also : Ich verdanke die Entdeckung der Berliner Kindheit dem kämpferischen Verfechter der palästinensischen Sache, dem aufmerksamen Leser Joseph Conrads, Theodor W. Adornos oder Erich Auerbachs, nämlich dem betrauerten Edward Said. Dadurch, dass ich Said bewunderte, konnte ich Benjamin um so mehr bewundern. Mit Benjamin oder Joseph Roth im Kopf durch Berlin zu laufen, bedeutet, die Wirklichkeit unerlässlich zu befragen, sich vom Zufall überraschen zu lassen, zu dritt oder zu zehnt sich dem Vergnügen des Herumirrens im Dunkeln hinzugeben, des Schlafwandelns. Es bedeutet, der Vermischung von Gehen und Erzählen behutsam nachzuspüren.

Schreiben, das heißt auch, diese wichtige Sache, die man absolut ins Licht rücken will, auf später zu verschieben. Und indem man dies tut, nicht aufhört, mit größter Klarheit zu sprechen oder dem Papier eine andere Sache anzuvertrauen - einen Gedanken, eine Vorstellung oder eine gänzlich zweitrangige Empfindung. Dafür, um solche Eindrücke zu sammeln, bin ich nach Berlin gekommen.

Aus dem Französischen von Egon Hartwig.

[ document info ] Copyright © FR-online.de 2007 Dokument erstellt am 31.05.2007 um 16:56:04 Uhr Letzte Änderung am 31.05.2007 um 23:17:17 Uhr Erscheinungsdatum 01.06.2007
Frankfurter Rundschau, 31.05.2007